Martin Maudsley: Mit Mythen und Legenden Kinder begeistern

Autor und Geschichtenerzähler Martin Maudsley, alle Bilder in diesem Beitrag: ©Martin Maudsley

 

Martin Maudsley ist ein professioneller Geschichtenerzähler und Autor aus Dorset, Großbritannien. Sein Repertoire umfasst frische Neuinterpretationen traditioneller Erzählungen – von lokalen Legenden und traditionellen Volksmärchen bis hin zu magischen Mythen und epischen Sagen. Neben den Geschichten setzt er Poesie, Musik und Gesang ein und arbeitet häufig mit Musiker:innen und anderen Künstler:innen zusammen.

In seinem Buch „Monstrologica. Von Monstern und magischen Wesen in den Mythen der Welt“ stellt er insgesamt 50 legendäre Monster, Bestien und Fabelwesen aus den verschiedensten Kulturen der Welt vor. Die beeindruckenden Illustrationen von Victoria Topping lassen die Kreaturen lebendig werden. Aus dem Englischen übersetzt haben Stefanie Brägelmann, Annika Klapper und Katharina Meyer.

In diesem Beitrag erzählt Martin Maudsley uns, warum er Mythen so faszinieren, was man beim Storytelling für Kinder beachten sollte und welche Monster aus dem Buch er am gruseligsten findet.

Würdest du dich kurz vorstellen?

Ich bin seit über 20 Jahren als professioneller Geschichtenerzähler tätig und trete in ganz Großbritannien (sowie international) in Schulen, auf Festivals und in Theatern auf. In jüngerer Zeit habe ich mich als Autor mit Volkskunde und Mythologie beschäftigt. Mein 2022 erscheinendes Buch „Telling the Seasons“ ist ein Leitfaden für Geschichtenerzähler, der anhand von Geschichten, Bräuchen und Festen durch die zwölf Monate des Jahres führt. „Monstrologica“ ist mein erstes Kinderbuch, das in Zusammenarbeit mit der bildenden Künstlerin Victoria Topping entstanden ist.

 

Wie hat sich deine Liebe zum Geschichtenerzählen entwickelt?

Fantasy-Bücher waren in meiner Kindheit mein Vergnügen und meine Inspiration; sie nährten meine stets unersättliche Fantasie. Ich liebte besonders jene Geschichten, in denen Fabelwesen und sprechende Tiere vorkamen (die „Narnia“-Bücher von C. S. Lewis sind ein großartiges Beispiel dafür). Nach meinem naturwissenschaftlichen Studium arbeitete ich eine Zeit lang in der Umweltbildung, wo ich (aus eigener Erfahrung) feststellte, dass das Geschichtenerzählen eine wunderbare Möglichkeit ist, Kinder zu begeistern und Ideen auf sinnvolle Weise zu vermitteln. Ich liebe es, wie Kinder so natürlich und enthusiastisch darauf reagieren, wenn man ihnen eine Geschichte einfach mündlich erzählt – deshalb erzähle ich weiterhin Geschichten, wann immer ich kann! Ich erzähle nach wie vor leidenschaftlich gerne Geschichten über die Natur.

In deinem Beruf als professioneller Geschichtenerzähler hast du dich auf Neuinterpretationen traditioneller Erzählungen – von lokalen Legenden und traditionellen Volksmärchen bis hin zu magischen Mythen und epischen Sagen – spezialisiert. Was macht diese Geschichten für dich so besonders?

Ich glaube, traditionelle Geschichten sind wie Kieselsteine am Strand – sie wurden durch hunderte von Erzählungen und Nacherzählungen geschliffen und geformt und lassen sich daher leicht erzählen und anhören. Gleichzeitig denke ich, dass Geschichten – insbesondere Mythen – tiefe Bedeutung und komplexe Ideen enthalten können. Sie helfen uns, eine Verbindung zur Welt um uns herum herzustellen und unser eigenes Menschsein zu verstehen. Ich behalte Geschichten eher durch mentale Bilder im Gedächtnis (als durch festgeschriebene Worte), und Volksmärchen bieten eine so reiche Vielfalt an lebhafter Fantasie, die durch das mündliche Erzählen leicht wieder zum Leben erweckt werden kann.

 

Was ist beim Storytelling für Kinder besonders wichtig?

Ich glaube, dass das Geschichtenerzählen eine universelle menschliche Eigenschaft ist – wir alle fühlen uns ganz natürlich von mündlich überlieferten Geschichten angesprochen, selbst inmitten moderner Technologie. Kinder sind oft das beste Publikum, weil sie noch die Fähigkeit besitzen, zu glauben und ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Wenn ich Kindern Geschichten erzähle, kann ich an ihren Gesichtern erkennen, dass sie die Bilder und Gefühle der Geschichte in ihren eigenen Köpfen nacherleben. Geschichten sind nicht nur unterhaltsam, sondern können auch tiefere Bedeutungen vermitteln, weil sie Kinder dazu anregen, selbstständig zu denken. Wenn ich Geschichten erzähle, versuche ich, mich auf die innere Welt der Geschichte einzulassen und die Bilder und die Sprache spontan fließen zu lassen, sodass sie in diesem Moment zu einem gemeinsamen Erlebnis zwischen Erzähler und Zuhörer werden. Kinder genießen es immer, durch das Geschichtenerzählen auf eine wilde und wundervolle Reise mitgenommen zu werden, aber ich glaube, dass sie auch beschreibende Details brauchen, um sich mit dieser Fantasiewelt verbunden zu fühlen. Selbst Fabelwesen haben Wälder, Flüsse und Berge, in denen sie leben!

Wie bist du bei deiner Recherche für das Buch vorgegangen? Was war beim Recherchieren besonders nützlich?

Mein Ausgangspunkt waren jene Monster, die ich bereits gut kannte – aus den Volksmärchen und Legenden, die ich erzähle. Das erste Kapitel, das ich schrieb, handelte beispielsweise von Trollen: grauenhaft, sowohl im Aussehen als auch im Verhalten, aber glücklicherweise langsam und einfältig. Ich griff auf mehrere Geschichten aus nordeuropäischen Ländern zurück, in denen ein Troll einer Figur (oft einem Kind) gegenübersteht, die ihn mit Mut und List besiegt. Danach versuchte ich, ein breiteres Spektrum an monströsen Kreaturen aus anderen Ländern und Kulturen abzudecken und hatte großen Spaß an der Recherche. Ich besaß zwar bereits eine große Anzahl an Büchern über Volkskunde und Mythologie, doch schon bald quollen meine Regale über vor gebrauchten Bänden über Fabelwesen und magische Wesen. Eine der ältesten Informationsquellen für „Monstrologica“ war der römische Schriftsteller Plinius der Ältere, aus einer Zeit vor zweitausend Jahren!

 

Welches Wesen fandest du besonders interessant? Und welches am gruseligsten?

Ich fand den Peryton wirklich interessant – ein Mischwesen aus Hirsch und Adler; und zwar keines, das ich bereits kannte. Einer alten Legende zufolge flohen diese Kreaturen aus der sagenumwobenen Stadt Atlantis, bevor diese in den Fluten versank. Ungewöhnlich sind sie auch dadurch, dass ihr Schatten eine menschliche Form hat. Okay – meine drei gruseligsten Monster aus dem Buch sind…

Die Mantikore – mit dem Körper eines Löwen, einem menschlichen Gesicht und einem Skorpionschwanz, der giftige Stacheln abschießen kann; der mongolische Todeswurm – der unter dem Sand der Wüste Gobi lebt (der Name sagt eigentlich schon alles, wirklich!); und der Basilisk – klein, aber tödlich, dessen Atem, Blut und Blick allesamt den sofortigen Tod verursachen können. Allerdings gibt es bei jedem von ihnen bestimmte Vorsichtsmaßnahmen, die einen bei einer Begegnung schützen könnten (ihr müsst das Buch lesen, um mehr darüber zu erfahren!).

Welche Kreaturen hättest du noch gerne vorgestellt, es gab aber zu wenig Informationen, um sie mit ins Buch aufzunehmen?

Tatsächlich haben wir zwei Kreaturen beschrieben und illustriert, die es nicht in die finale Version des Buches geschafft haben. Dabei handelte es sich um Wesen aus den indigenen Kulturen Australiens und Nordamerikas, die nach Rücksprache mit Sensitivity Readern bereits im Entwurfsstadium wieder gestrichen wurden. Auch wenn ich traurig war, dass diese beiden Wesen nicht dabei waren, war ich doch froh, dass wir schon in einem frühen Stadium auf die breitere Gemeinschaft hören und darauf reagieren konnten. Ein paar andere Wesen – das Jackalope und der Squonk – hatten tolle Namen und äußere Merkmale, aber nicht ganz genug Stoff, um darüber zu schreiben. Es gibt auch noch ein paar andere, die (hoffentlich) in späteren Büchern auftauchen könnten…

 

Was war deine größte Herausforderung bei der Arbeit am Buch?

Um ehrlich zu sein, hat mir der gesamte Entstehungsprozess von „Monstrologica“ – von den ersten Recherchen bis hin zur abschließenden Überarbeitung – wirklich viel Freude bereitet. Ich bin sehr dankbar für die gestalterische Weise, auf die die Worte vom Redaktions- und Produktionsteam auf die Seiten gebracht wurden. Außerdem bin ich begeistert von den farbenfrohen, überlebensgroßen Monsterbildern, die Victoria Topping als Begleitung zum Text geschaffen hat. Wenn überhaupt, wäre es vielleicht gut gewesen, während der Entwicklung des Buchinhalts enger mit ihr zusammenzuarbeiten. Die gute Nachricht ist: Wir arbeiten bereits gemeinsam an unserem nächsten Kinderbuch über Mythologie und standen während des Schreibens und Illustrierens in regelmäßigem Kontakt miteinander.

 

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English Version of the Interview

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