Richard Strauss: »Salome«, mit Christa-Maria Ziese, Oper Leipzig, 1961
© Helga Wallmüller

Das neue Standardwerk von Eckart Kröplin zur ostdeutschen Kulturgeschichte berichtet auch von der Befreiung des DDR-Operntheaters

Im September 1989 wird die Regisseurin Christine Mielitz ins Büro von Hans Modrow zitiert. Gerade inszeniert sie den „Fidelio“ an der Semperoper in Dresden, und dem Sekretär der SED-Bezirksleitung sind beunruhigende Dinge zu Ohren gekommen. Ob sie denn wirklich „Fidelio“ vor einer grauen Mauer mit Stacheldraht inszenieren wolle, wird sie von Modrow gefragt. Natürlich, erwidert sie ruhig, die Oper spiele ja schließlich in einem Gefängnis.

Modrow lässt Mielitz gewähren, zum Erstaunen der Regisseurin selbst. Die Revolution liegt in der Luft, vielleicht ahnt er, was sich nur wenige Wochen später auf den Straßen Dresdens abspielen wird. Ganz sicher weiß er um die politische Dimension.

Am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, hat „Fidelio“ in Dresden Premiere. Erst vier Tage vorher rollen durch Dresden die Züge mit den Prager Botschafts-Flüchtlingen. In Tumulten am Bahnhof entlädt sich der Hass gegen die DDR-Staatsgewalt, zwanzigtausend Menschen belagern das Gebäude.

Nun, am Samstagabend, versammelt sich in der erst 1985 neu eröffneten Semperoper das geladene Publikum – und ist entsetzt.

Auf einem modernen Gefängnishof spielt sich das Geschehen ab, unerbittlich in Stacheldraht eingezäunt. Doch beängstigender mag für die Zuschauer an diesem Abend sein, dass ganz deutlich die Rufe vom Theaterplatz bis in den Opernsaal zu hören sind: von tausenden Demonstranten, die ihre Befreiung aus der Einzäunung einfordern. „Fidelio“ wird an diesem Abend tatsächlich zur „Befreiungsoper“, zur „Revolutionsoper“.

„Fidelio“ in der Semperoper Dresden, 1989. Bis heute hat die Inszenierung von Mielitz Kultstatus.
© Erwin Döring

Die Befreiung findet auf der Opernbühne der DDR allerdings bereits viel früher statt. Seit Gründung des Staates ist zu sehen, was Kunst und Kultur leisten können angesichts politischer Dogmen und Restriktionen. Neue ästhetische Vorstellungen setzen sich durch. Namen wie Paul Dessau, Walter Felsenstein, Götz Friedrich, Joachim Herz, Harry Kupfer und Ruth Berghaus strahlen nach Ost und West, heute sind ihre Inszenierungen Legende.

„Jonny spielt auf“ von Ernst Krenek, Oper Leipzig 1990
© Helga Wallmüller

 

Am Abend des 7. Oktober 1989 kommen die Zuschauer aus der Semperoper in Dresden und sehen die protestierende Menschenmenge. Um Mitternacht kommt der Befehl zur gewaltsamen Auflösung der politischen Demonstrationen, so auch in Berlin, Leipzig, Dresden, Plauen, Jena, Magdeburg, Ilmenau, Arnstadt, Karl-Marx-Stadt, Potsdam. Doch aufhalten lässt sich die Revolution nicht mehr. Am Ende hatte sich der Staat überlebt.

Das Operntheater der DDR jedoch nicht. Es war lebendig – und hatte die Grenzen des Landes längst überschritten. Es ist höchste Zeit, es wiederzuentdecken.

Zum Buch: Eckart Kröplin – Operntheater in der DDR